Infoportal für Familien mit AD(H)S oder ähnlichen Verhaltensbesonderheiten
       Infoportal für Familien mit AD(H)S oder ähnlichen Verhaltensbesonderheiten   

Umgang mit Wut, Trotz, Opposition

Einen entspannten Umgang mit massiver Wut, Beleidung, Verletzungen und Opposition zu finden, das ist selten einfach. Eltern von Kindern - z.B. mit AD(H)S - stehen dabei oft vor großen Herausforderungen, die mit einer postiven Grundhaltung und Strategie bewältigt werden können.

 

Vielleicht kommen diese Reaktion bekannt vor?

  • Wutanfall: "Doch, ich will jetzt auch noch das Überraschungsei..."
  • Wegschmeißen der Fernbedienung: "Ich will aber weiter Fernsehen gucken..."
  • Stift wird zerbrochen: "Ich kann diese blöden Hausaufgaben nicht. Ich versteh das nicht, bin zu blöd dafür...."
  • ....

Solche Reaktionen sind natürlich in keiner Weise zielführend oder positiv, aber sie sind in dem Moment die gerade einzig denkbaren Verhaltensweisen, welche für das Kind möglich sind. Heftige Reaktionen eines Kindes sind immer eine Strategie, um ein tiefes Bedürfnis erfüllt zu bekommen. Das mag z.B. das Bedürfnis nach Anerkennung, Liebe, Nahrung oder Unterhaltung sein.

 

So, und nun? Jetzt denkt man sich als Eltern berechtigter Weise: "Ich habe doch auch Bedürfnisse! Was ist mit denen???"

 

Genau, das stimmt. Auch Eltern haben berechtigte Bedürfnisse. Sei es z.B. nach Ruhe, Partnerschaft, Liebe, Frieden, Nahrung oder Fürsorge. Doch gut zu wissen: Auch, wenn zwei dem Anschein nach unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander prallen, kann die Situation verhältnismäßig stressfrei gelöst werden.

 

Mit einem positiven Handlungskonzept und einer klaren inneren Haltung lassen sich extreme Verhaltensweisen aufgrund unterschiedlicher Bedürfnisse spürbar stressfreier begegnen.

 

Wertschätzende Kommunikation ist machbar, wenn wir es schaffen:

  • Auf Verurteilen, Abwerten, Bestrafen zu verzichten.
  • Als Erwachsener Verantwortung zu übernehmen und nicht nur vom Kind erwarten, das es sein Verhalten ändern muss.
  • Zu erkennen: Negative Verhaltensweisen sind eine Strategie, um ein Bedürfnis erfüllt zu bekommen - ABER KEINE STRATEGIE, UM DAS GEGENÜBER BEWUSST ZU VERLETZTEN.
  • Negative Verhaltensmuster, Beleidigungen, Wut nicht persönlich zu nehmen, sondern sich als "Helfer" bei einer besseren Strategiefindung zu sehen.
  • Das Konsequenz als verlässliche, klare und wertschätzende Handlung gelebt und nicht als Überbegriff für Bestrafung, Belohnung oder Ignorieren angesehen wird.
  • Sich die Zeit zu nehmen, die eigenen Gefühle und die des Kindes zu erkennen und zu akzeptieren.
  • Geduld mit sich und dem Kind zu haben.
  • Sich Rückschläge, Streit und alte Verhaltensmuster zu verzeihen.

Jeder, der sich die Zeit nimmt, diese Seite zu lesen, darf stolz auf sich sein!

 

Alleine die konstruktive Auseinandersetzung und der Wille etwas am Umgang mit dem besonders herausfordernden Kind zu verändern, bedeutet schon ein großes Stück des Weges zur wertschätzenden Kommunikation und damit zu einem stressfreieren Alltag.

Doch wie geht man mit Wut und negativen Emotionen um?

 

Wut, Aggression, Beleidigungen aushalten zu können, da muss man schon sehr gelassen bleiben können. Denn dieses Verhalten kann sehr herausfordernd, anstrengend und manchmal auch überfordernd sein. Doch was steckt eigentlich hinter diesem Verhalten?

 

Wut ist ein wichtiges Gefühl. Eine starkes Gefühl, das auf ein nicht erfülltes Bedürfnis hinweist.

 

Dies kann das Bedürfnis nach Anerkennung, Wertschätzung, Aufmerksamkeit oder einfach nach Unterhaltung sein. Jetzt kann man sagen, dass das Kind es ja auch mit einer zielführenden, positiven Strategie versuchen könnte, sein Bedürfnis erfüllt zu bekommen.

 

Doch AD(H)S-Kinder haben, neben vielen anderen Stärken, die ausgeprägte Fähigkeit Gefühle besonders stark und authentisch fühlen und ausdrücken zu können. Da ist die Strategie, auf das erste auftauchende Gefühl zu reagieren, die am leichtesten abrufbare Handlungsoption. So eine Strategie kann entsprechend herausfordernd sein: Laut werden, brüllen, Sachen werfen, beleidigen,...

 

Häufig kennen wir bei Wutanfällen Handlungsoptionen wie:

  • Vorwürfe und Verurteilungen = Keine Option, denn das Kind fühlt sich missverstanden, alleine gelassen, falsch und nicht wahrgenommen.
  • Bestrafen = Keine Option, denn dem Kind wird signalisiert, dass es das Gefühl unterdrücken muss und sein Bedürfnis nicht ernst genommen wird. Es fühlt sich schlecht, falsch und schuldig. Das Kind lernt keine positive Strategie.
  • Belohnen = Kurzfristig hilfreich, aber das Kind lernt nur das Gefühl zu unterdrücken, wenn es eine Belohnung dafür bekommt. Aber einen echten Umgang mit den eigenen Gefühlen lernt es nicht.
  • Bestechen = Kurzfristig hilfreich, aber das Kind lernt dadurch eher zu manipulieren, aber keine langfristig positive Strategie.
  • Ablehnung = Keine Option, denn das Kind fühlt sich schuldig, traurig, falsch. Das Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe wird überhaupt nicht erfüllt.

 

Solche autoritären Handlungsoptionen sind seit Generationen tief im Erziehungsverhalten verwurzelt.

 

Wenn Eltern so reagieren, dann hat das einen guten Grund.

 

Denn die eher autoritären Erziehungsmethoden wurden über Jahrzehnte - mit bestem Wissen und Gewissen - von Eltern und Großeltern weiter gegeben. Früher mussten die Menschen anders als heute funktionieren, um in der Gesellschaft erfolgreich sein zu können. Autorität, angepasstes Verhalten und Regelkonformität war in Zeiten von Krieg und Not eine gute Strategie.

 

Doch heute leben wir in einer schnelllebigen Welt voller Informationen, Vielfältigkeit, ständiger Entwicklungen und (glücklicherweise in Deutschland) Meinungsfreiheit. Diese Welt erwartet andere Fähigkeiten von den Menschen als vor 50 Jahren. Darum macht es Sinn, sich mit einem anderen Erziehungsstil auseinander zu setzen.

 

Wobei sicher gesagt werden kann, dass Kinder mit AD(H)S keine antiautoritäre Erziehung benötigen, sondern einen klaren, respektvollen und verlässlichen Umgang!

 

Wie das bitte in stressigen Momenten gehen soll? Das ist eine gute Frage. Schließlich müssen oft alte Muster über Bord geschmissen und ein neuer Weg eingeschlagen werden. Doch die gute Nachricht ist: Das kann mit etwas Geduld und Akzeptanz (sich selber und der gesamten Situation gegenüber) geschafft werden!

 

Handlungsoption für einen positiven Umgang mit negativen Gefühlsausbrüchen

 

Der erste große Schritt ist getan, wenn bei Gefühlsausbrüche und Wut des Kindes zugewandt reagiert und Wut erlaubt wird.

  • Gefühl wahrnehmen, akzeptieren, halten.
  • Gefühl und Verhalten nicht persönlich nehmen. Bitte erinnern: Es geht hier um ein nichterfülltes menschliches Bedürfnis des Kindes.
  • Verhalten dem Kind spiegeln.
  • Das Kind bei der Wut begleiten, ihm helfen diese zu durchleben, damit die Wut von alleine wieder gehen kann.
  • 5 Elemente der Wut empathisch zu begegnen:
  1. Kurze, klare, knappe Worte verwenden.
  2. Wiederholung der gespiegelten Sätze.
  3. Auf Augenhöhe mit dem Kind sprechen.
  4. Tonfall und Mimik des Kindes einnehmen.
  5. Respektvoll bleiben, keine Verachtung oder eigene Wut aufkommen lassen.

 

"Gewaltfrei heißt nicht nur Verzicht auf Gewalt und Widerstand, heißt auch nicht etwa die andere Wange hinhalten.

 

Gewaltfrei ist eine viel schwierigere Aufgabe, nämlich Verständnis und Einfühlung in die Ängste, die Unwissenheit, Hilflosigkeit und Unsicherheit der Menschen und Faktoren, die gewaltvolles Handeln hervorrufen."

 

(Mahatma Gandhi)

 

Wie kann dieser Ansatz im Alltag funktionieren?

Ein Beispiel:

 

Kind: "Mama/Papa, komm sofort her. Ich will dir etwas zeigen!"

 

Eltern: "Nein, ich koche gerade. Ich komme gleich."

 

Kind: Bekommt Wutanfall und schreit los. "Ich will aber, dass du jetzt sofort kommst." Rennt in die Küche und schmeisst einen Topf auf den Boden.

 

Eltern: Wiederholung, kurz, knapp, klar: "Du willst, dass ich jetzt sofort zu dir komme. Du willst, dass ich jetzt sofort zu dir komme. Du willst, dass ich mein Kochen unterbreche und JETZT SOFORT ZU DIR KOMME!"

 

Kind: Reagiert überrascht, die Worte gelangen durch die kurze, klare Wiederholung auf Augenhöhe ins Gehirn. Eventuell fängt es sogar an zu lachen und merkt, dass seine Reaktion nicht wirklich zielführend war. Eventuell nimmt es sogar den Elternteil in den Arm.

 

Eltern: "Ich mache meine Sache hier eben fertig und dann komme ich zu dir. Versprochen."

Dieser empathische Ansatz der positiven, wertschätzenden Kommunikation basiert auf dem Konzept der "Gewaltfreien Kommunikation (GFK)". Quelle: Heike Spatz, Trainerin der Gewaltfreien Kommunikation (Siehe Website: Eltern im Wandel).

Ergebnis:

Kind hat gelernt, die Wut begleitet zu durchleben. Die Wut kann von alleine wieder gehen, musste nicht unterdrückt oder negativ beendet werden.

 

 

Gut zu wissen:

Es ist wertvoll, wenn der eigene innere Kritiker bei den ersten empathischen Wutbegleitungen auf lautlos gestellt wird, denn die empathische Begleitung klappt bestimmt nicht unbedingt immer sofort wie erhofft. Als Hilfestellung wird empfohlen, die "ersten Versuche" nicht in der Öffentlichkeit zu starten, sondern eine gewohnte und geborgene Umgebung zu wählen.

Video-Tipp:

 

Wie eine Verbindung gerade bei Wutanfällen gelingen kann, das erklärt KooperationspartnerHeike Spatz (Portal "Eltern im Wandel") - Trainerin für "Gewaltfreie Kommunikation" - in dem folgenden YouTube-Video "Wut empathisch begleiten - 5 Elemente".

 

In dem Film wird erklärt, wie mit "5 Elementen die Wut deines Kindes empathisch begleitet werden kann." Das Ziel: Anstelle von Abtrennung dem Kind helfen, die Wut zu durchleben und weiterziehen zu lassen.

 

Das könnte dich auch interessieren:

 

Positive und wertschätzende Kommunikation auf Basis des Konzeptes "Gewaltfreie Kommunikation (GFK)". Leben ohne Streit auch bei ADHS. Lesen Sie hier mehr.

 

Stärken von Kindern mit ADHS. Die Stärken des Kindes zu erkennen, täglich positiv wahrzunehmen und sich daran zu erfreuen, das ist viel wertvoller als eine Diagnose, Symptombetrachtung und eine ständige Fokussierung auf das "Fehlverhalten". Lesen Sie hier mehr.

- Neuste Beiträge -

Wechselspiel von pausenlosen Gedanken und Emotion als Ursache von ADHS?

Ursache - August 2019

Kur, Reha oder stationäre Behandlung.

Unterstützung - Juni 2019

Gewichtstherapie als alternatives Hilfsmittel bei ADHS

Therapie - Juni 2019

Selbsthilfe-Angebot für ein Online-Eltern-Coaching zur "Wertschätzenden Kommunikation" z.B. für "Umgang mit Wut" für Familien mit AD(H)S: Weitere Infos.

Alltag - Juni 2019