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Sandtherapie zur Stärkung der Sensorischen Integration

Kinder mit ausgeprägtem ADHS-Symptomen sind regelrecht aus dem Gleichgewicht geraten. Informationen und Reize können nicht optimal verarbeitet werden. Alles im Kopf ist durcheinander. Daraus resultierende Konzentrations- und Wahrnehmungsstörungen können zu extremen Verhaltensauffälligkeiten führen.

 

Die erste Entwicklung des Gehirns findet schon im Mutterleib statt. Das Gehirn stellt ein Netzwerk aus vielen Nervenzellen her, indem alle Teile des Körpers abgebildet sind. Zu Schulbeginn sollte das Gehirn weitgehend fertig ausgebildet und das Kind in der Lage sein, Informationen zu verarbeiten und angemessen damit umgehen zu können. Wissenschaftlicher ausgedrückt: Der neurologische Prozess der Sensorischen Integration sollte erfolgreich stattgefunden haben.

 

 

Sensorische Integration

 

Die Gesellschaft für Sensorische Integration – Jean Ayres, Deutschland und
International e. V. (GSID ) beschreibt
Sensorische Integration als einen normalen neurologischen Prozess, bei dem das Gehirn eingehende Sinnesreize aus der Umwelt ordnet, und dem Menschen ermöglicht, sich in seiner Umwelt angemessen zu verhalten. "Die Sinnesreize werden organisiert und verarbeitet, verknüpft und interpretiert. Auf diese Art und Weise werden die Sinnesinformationen für den Menschen bedeutsam und nutzbar. Diese Nutzung kann in einer Wahrnehmung oder Erfassung des Körpers oder der Umwelt bestehen, aber auch in einem angepassten Verhalten oder einem Lernprozess. Durch die Sensorische Integration wird erreicht, dass alle Abschnitte des Zentralenervensystems, die erforderlich sind, damit ein Mensch sich sinnvoll und emotional zufrieden mit seiner Umgebung auseinandersetzen kann, aufeinander abgestimmt werden." (Quelle: http://gsid.de/was-ist-si/)

 

 

Störungen in der Sensorischen Integration

 

Leider ist nun mal nicht jedes Gehirn bereits zu Schulbeginn vollständig entwickelt. Manchmal treten über längere Zeit ausgeprägte Wahrnehmungsstörungen auf, der neurologische Prozess konnte im Gehirn nicht ausreichend abgeschlossen werden. Die Ursachen dafür können vielfältig sein.

 

 

Sandtherapie

 

Der Ansatz der Sandtherapie zielt darauf ab, den Prozess der Sensorischen Integration zu unterstüzen, so dass diagnostizierte Wahrnehmungsstörungen im Gehirn durch gleichmäßigen Druck, z.B. mit Hilfsmitteln wie einer Sandtherapie-Weste, möglicherweise gelindert werden können. Durch gleichmäßigen Druck auf Nervenbahnen in den Muskeln erhält das Gehirn Rückmeldungen und Informationen, so dass Körper und Gehirn - ähnlich wie bei einer festen Umarmung - zur Ruhe kommen können. Bei einer Sand-Therapie sollte u.a. genau auf Körpergewicht und Tragezeiten geachtet werden, um den betroffenen Menschen wieder in ein natürliches Gleichgewicht bringen zu können. Außerdem scheint es sehr wichtig, dass bei entsprechender Diagnose die Sand-Weste wirklich freiwillig und eigenmotiviert getragen wird.

 

Familie-mit-ADHS informiert über diesen neuen therapeutischen Ansatz, kann aber keine Empfehlung abgeben ob und in welcher Form der Einsatz tatsächlich sinnvoll für das jeweilige Kind ist.

 

Wichtig zu beachten ist, dass diese Therapieform noch nicht klinisch bestätigt ist, sondern die Wirksamkeit nur aufgrund positiver Erfahrungen z.B. aus Ergotherapie und Schule anhand zahlreicher Fallbeispiele belegt werden kann. Der Einsatz von Sand-Westen in der Schule wird u.a. mit Blick auf Sorge vor Ausgrenzung aktuell relativ kontrovers diskutiert. An einigen Schulen in Deutschland laufen begleitete Testprojekte, um weitere Erkenntnisse gewinnen zu können.

 

Der deutsche Sand-Westen-Hersteller Kooperationspartner Beluga Healthcare erklärt die Vorgänge - hier auszugsweise - in einem kindgerechten Erklär-Comic:

Dies ist aufgrund von Herausgeberrechten nur ein Auszug.

  • Den vollständigen Erklär-Comic,
  • weitere Informationen zu Sand-Therapie-Konzepten
  • und mit dieser Therapieform arbeitenden Ergotherapeuten

können Sie direkt über Beluga Healthcare

Kooperationspartner  beziehen.

 

Erfahrungsbericht aus der Selbsthilfegruppe für betroffene Eltern in Hennef

 

Jan (10 Jahre) ist impulsiv, leicht erregbar und häufig angespannt, diese Anspannung überträgt sich z.B. auf Konzentrations- und Gedächtnisfähigkeit sowie auch seinem Muskeltonus. Er ist in Situationen mit erhöhtem Reizeinfluss oft unruhig und laut. Regelmäßige Osteophatiebesuche sind notwendig, um verklemmte Muskeln zu entspannen. In der Schule benötigt er häufig die (emotionale) Unterstützung des Lehrers.

 

Jan trägt die auf ihn angepasste 2,5 kg schwere Sandweste seit Mitte März 2018 in Schule und zu Hause. Wichtig dabei ist, dass er die Weste freiwillig trägt und nicht gezwungen wird. Die Weste wird in enger Absprache mit ihm immer nur für kurze, mit ihm abgestimmte, Phasen getragen. Die Phasen sollten im Durchschnitt max. 30 Minuten betragen. Manchmal reichen aber auch nur 5 Minuten, um ihn zu stabilisieren.

 

Schule:

Mit Weste schafft er schwierigere Aufgaben zu bearbeiten, ohne sofort in Stress zu geraten. Ohne Weste reagiert er dagegen bei für ihn gefühlten Schwierigkeiten unsicher und gibt schneller auf.

 

Zu Hause:

Schwierige Tischsituationen kann er mit Weste ruhiger bewältigen. In aufgeregten und unruhigen Momenten (sei es z.B. bei einer spannenden Stelle im Fernsehprogramm oder bei Aufregung vor geplanter Aktivität), hilft ihm die Weste entspannter zu sein. Er klagt seit dem Einsatz der Weste nicht mehr wie vorher regelmäßig über Schmerzen im Nacken- und Rücken.

 

 

Tipps zum Einsatz einer Sandtherapieweste*

 

  • Die Weste ist nicht pauschal für jedes Kind geeignet. Manchen Kindern bietet Sie z.B. Halt, Struktur und Entlastung im Muskeltonus - andere Kinder kommen wunderbar ohne Hilfsmittel zurecht.
  • Egal ob z.B. in Kindergarten, Schule, bei Ergotherapie oder zu Hause, die Weste sollte nicht gegen den Willen des Kindes, sondern gut begründet und vom Kind akzeptiert, eingesetzt werden.
  • Vor Einsatz der Weste ist es wichtig, dass auch die Eltern über Sinn und Zweck informiert und in den Prozess eingebunden werden.
  • Das Gewicht der Weste sollte auf Körpergröße und -statur ausgerichtet sein.
  • Die Weste sollte grundsätzlich nicht über einen längeren Zeitraum ohne Pausen getragen werden. Richtwert sind bis zu 30 Minuten, es können aber je nach Situation schon 5 Minuten für einen positiven Effekt ausreichen.
  • Falls das Kind eine längere Pause fordert und sich weigert die Weste zu tragen - obwohl der positive Effekt deutlich zu erkennen ist - dann sollte dies akzeptiert werden. Die Kinder merken in der Regel selber gut, wann ihnen die Stabilisierung gut tut und wann eine Pause angebracht ist.

 

*Quelle: Geschäftsführerin von Beluga Healthcare, Silke Turley.