Infoportal für Familien mit AD(H)S oder ähnlichen Verhaltensbesonderheiten
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Sandtherapie® zur Stärkung der Sensorischen Integration

Kinder mit ausgeprägtem ADHS-Symptomen sind regelrecht aus dem Gleichgewicht geraten. Informationen und Reize können nicht optimal verarbeitet werden. Alles im Kopf ist durcheinander. Daraus resultierende Konzentrations- und Wahrnehmungsstörungen können zu extremen Verhaltensauffälligkeiten führen.

 

Auf dieser Seite finden Sie Informationen zu:

  • Sensorische Integration von Reizen im Gehirn
  • Störungen der Wahrnehmungsfähigkeit
  • Therapie mit Beschwerungshilfsmitteln
  • Erklärung des Gehirns
  • Wissenswertes zum Einsatz einer Gewichtsweste
  • Erfahrungsbericht: Einsatz bei einem ADHS-Kind

 

Sensorische Integration von Reizen im Gehirn

 

Die erste Entwicklung des Gehirns findet schon im Mutterleib statt. Das Gehirn stellt ein Netzwerk aus vielen Nervenzellen her, indem alle Teile des Körpers abgebildet sind. Zu Schulbeginn sollte das Gehirn weitgehend fertig ausgebildet und das Kind in der Lage sein, Informationen zu verarbeiten und angemessen damit umgehen zu können. Wissenschaftlicher ausgedrückt: Der neurologische Prozess der Sensorischen Integration sollte erfolgreich stattgefunden haben.

 

Die Gesellschaft für Sensorische Integration – Jean Ayres, Deutschland und
International e. V. (GSID ) beschreibt
Sensorische Integration als einen normalen neurologischen Prozess, bei dem das Gehirn eingehende Sinnesreize aus der Umwelt ordnet, und dem Menschen ermöglicht, sich in seiner Umwelt angemessen zu verhalten. "Die Sinnesreize werden organisiert und verarbeitet, verknüpft und interpretiert. Auf diese Art und Weise werden die Sinnesinformationen für den Menschen bedeutsam und nutzbar. Diese Nutzung kann in einer Wahrnehmung oder Erfassung des Körpers oder der Umwelt bestehen, aber auch in einem angepassten Verhalten oder einem Lernprozess. Durch die Sensorische Integration wird erreicht, dass alle Abschnitte des zentralen Nervensystems, die erforderlich sind, damit ein Mensch sich sinnvoll und emotional zufrieden mit seiner Umgebung auseinandersetzen kann, aufeinander abgestimmt werden." (Quelle: http://gsid.de/was-ist-si/)

 

 

Störungen der Wahrnehmungsfähigkeit

 

Leider ist nun mal nicht jedes Gehirn bereits zu Schulbeginn vollständig entwickelt. Manchmal treten über längere Zeit ausgeprägte Wahrnehmungsstörungen auf, der neurologische Prozess konnte im Gehirn nicht ausreichend abgeschlossen werden. Die Ursachen dafür können vielfältig sein. Dies ist auch bei AD(H)S-Symptomen häufig der Fall. Dabei ist ganz wichtig zu verstehen, dass jeder Mensch - ob mit oder ohne ADHS -  unterschiedlich wahrnimmt und jedes Gehirn auf individuelle Art und Weise Worte, Reize, Gefühle oder Erlebnisse verarbeitet.

 

Innovative Therapie mit Beschwerungshilfsmitteln

 

Sandtherapiehilfsmittel® wurden speziell dafür entwickelt, um Hilfe zu bieten u.a. bei:

  • Wahrnehmungsstörungen
  • Ein- und Durchschlafproblemen
  • Motorische und geistie Unruhe
  • Körperliche und geistige Beeinträchtigungen
  • Konzentrationsstörungen
  • Autismus

Der Ansatz der Sandtherapie® mit Gewichten zielt darauf ab, den Prozess der Sensorischen Integration zu unterstützen, so dass diagnostizierte Wahrnehmungsstörungen im Gehirn durch gleichmäßigen Druck - z.B. mit einer Sandtherapie®-Weste - möglicherweise gelindert werden können. Durch gleichmäßigen Druck auf Nervenbahnen in den Muskeln erhält das Gehirn Rückmeldungen und Informationen, so dass Körper und Gehirn - ähnlich wie bei einer festen Umarmung - zur Ruhe kommen können.

 

Bei einer Sandtherapie® sollte auf

  • Körpergewicht,
  • Muskeltonus und
  • Tragezeiten

geachtet werden, um den betroffenen Menschen möglichst wieder in ein natürliches Gleichgewicht bringen zu können.

 

Bei der Überlegung welches Hilfsmittel eingesetzt werden könnte, ist wichtig zu verstehen, dass jeder Körper unterschiedlich aufgebaut ist. Menschen mit einem sehr ausgeprägten Muskeltonus und einer hohen körperlichen Anspannung benötigen meist ein höheres Gewicht, als Menschen mit einer geringeren Muskelspannung. Für Menschen mit einer geringeren Körperspannung - das gilt übrigens z.B. oft auch für Senioren - führt eher ein weniger schweres Beschwerungshilfsmittel zu positiven Effekten. Wichtig ist, dass sich das AD(H)S-Kind mit dem Sandtherapie®-Hilfsmittel grundsätzlich wohl fühlt, das Hilfsmittel versteht und akzeptiert sowie freiwillig mitarbeitet. Manche Kinder reagieren positiv auf die enge Begrenzung des Oberkörpers mit Hilfe einer Gewichstweste, manchen Kindern reicht ein Gewichtskissen für die Beine oder eine Beschwerung der Schultern.

 

Ein Tipp für Eltern:

Auch die Eltern von einem Kind mit ausgeprägten ADSH-Symptomen stehen oft unter starker Anspannung und Stress. Einen Augenblick der Ruhe unter einer Beschwerungsdecke - z.B. vor dem Schlafengehen - kann helfen, Körper und Geist zu entspannen.

 

Familie-mit-ADHS informiert über diesen therapeutischen Ansatz, kann aber keine Empfehlung abgeben, ob und in welcher Form der Einsatz tatsächlich sinnvoll für das jeweilige Kind ist.

 

Der deutsche Sandwesten-Hersteller Kooperationspartner Beluga Healthcare erklärt die Vorgänge - hier auszugsweise - in einem kindgerechten Erklär-Comic:

Dies ist aufgrund von Herausgeberrechten nur ein Auszug.

  • Den vollständigen Erklär-Comic,
  • weitere Informationen zu Sandtherapie®-Konzepten
  • und mit dieser Therapieform arbeitenden Therapeuten

können über Beluga HealthcareKooperationspartner  bezogen werden.

Wichtige Hinweise speziell zum Einsatz einer Sandtherapieweste®*

  • Die Weste kann zur Stärkung der Wahrnehmung und der Lernfähigkeit unterstützend eingesetzt werden. Das Hilfsmittel ist allerdings nicht für alle Kinder pauschal zur Leistungssteigerung hilfreich. Es lohnt sich eine Gewichtweste bei offensichtlicher Wahrnehmungs- und Leistungsstörung unter enger Einbindung der Pädagogen oder Therapeuten auszuprobieren.
  • Egal ob z.B. in Kindergarten, Schule, bei Ergotherapie oder zu Hause: Eine Gewichtweste sollte nicht gegen den Willen des Kindes, sondern gut begründet, vom Kind akzeptiert und eigenmotiviert eingesetzt werden.
  • Vor Einsatz der Weste ist es wichtig, dass auch die Eltern über Sinn und Zweck informiert und in den Prozess eingebunden werden.
  • Das Gewicht der Weste sollte auf Körpergröße und -statur ausgerichtet sein.
  • Eine Beschwerungsweste kann unterschiedliches Gewicht haben. Bei einem ausgeprägten Muskeltonus, wird eher eine schwerere Weste (z.B. 2,5 kg) empfohlen. Bei geringer Muskelkraft und leichter Wahrnehmungsstörung kann ggf. eine 1,5 kg Weste ausreichen.
  • Die Weste sollte grundsätzlich nicht über einen längeren Zeitraum ohne Pausen getragen werden. Allgemein empfohlen wird eine Tragezeit von höchstens 30 Minuten, es können aber je nach Situation und Kind schon 5 Minuten für einen positiven Effekt ausreichen.
  • Falls das Kind eine längere Pause einfordert und sich weigert die Weste zu tragen - selbst wenn ein positiver Effekt deutlich zu erkennen ist - dann sollte dies akzeptiert werden. Die Kinder merken in der Regel selber gut, wann ihnen die Stabilisierung gut tut und wann eine Pause angebracht ist.

 

*Quelle: Geschäftsführerin von Beluga Healthcare, Silke Turley

 

 

Erfahrungsbericht der AD(H)S-Selbsthilfegruppe für betroffene

Eltern in Hennef

 

Jan (11 Jahre) ist impulsiv, leicht erregbar, redet übermäßig viel und ist häufig angespannt. Diese Anspannung überträgt sich z.B. auf Konzentrations- und Gedächtnisfähigkeit sowie auf seinem Muskeltonus. Er ist in Situationen mit erhöhtem Reizeinfluss oft unruhig und laut. Regelmäßige Osteophatiebesuche sind notwendig, um Muskeln zu entspannen und Wirbel einzurenken. In der Schule benötigt er häufig die (emotionale) Unterstützung des Lehrers.

 

Jan trägt die auf ihn angepasste 2,5 kg schwere Sandtherapieweste® seit Mitte März 2018 in Schule und zu Hause. Wichtig dabei ist, dass er die Weste freiwillig trägt und nicht gezwungen wird. Die Weste wird in enger Absprache mit ihm immer nur für kurze, mit ihm abgestimmte, Phasen getragen. Die Phasen betragen im Durchschnitt max. 30 Minuten. Manchmal reichen sogar nur 5 Minuten, um ihn zu stabilisieren.

 

Jan hatte seit Einsatz der Weste immer mal längere Phasen in denen er die Weste nicht tragen wollte. Dann gibt es aber auch Phasen, in denen er freiwillig und regelmäßig seine Weste hervorholt. Er hat mittlerweile zwei Westen mit unterschiedlichem Schnitt und Gewichtsverteilung, die er je nach Bedürfniss trägt.

 

Schule:

Mit Weste schafft er es häufig, sich besser konzentrieren und komplexere Aufgaben bearbeiten zu können - ohne direkt in Stress zu geraten. Ohne Weste reagiert er dagegen bei für ihn gefühlten Schwierigkeiten, bzw. neuen Aufgabenstellungen, schneller unsicher und gibt eher auf. Obwohl er als einziges Kind in der Klasse eine Weste trägt, nimmt er aus Eigenmotivation das Hilfsmittel regelmäßig mit in die Schule. Es gibt Phasen in denen er die Weste nicht in der Schule einsetzen möchte oder sogar ohne Weste sehr gut durch den Tag kommt. Über den Einsatz entscheidet er, unterstützt von den Lehrern, eigenverantwortlich.

 

Zu Hause:

Die für ihn oft schwierigen Tischsituationen kann er mit Weste oft ruhiger bewältigen. Bei Hausaufgaben, mit einer höheren geistigen oder motorischen Anforderung, stabilisiert die Weste und hilft in Konzentrationsphasen. In aufgeregten und unruhigen Momenten - sei es z.B. bei einer spannenden Stelle im Fernsehprogramm oder bei Aufregung vor geplanter Aktivität - hilft ihm die Weste weniger impulsiv und aufgedreht zu reagieren. Er klagt bei regelmäßigen Einsatz der Weste nicht mehr wie vorher ständig über Schmerzen in Nacken- oder Rücken.

 

Schlafenszeit:

Jan ist abends oft sehr aufgedreht und körperlich aktiv. Er nimmt sich häufig seine Beschwerungsdecke (Gewicht 6 kg), wenn er merkt, dass er nicht zur Ruhe kommen kann, aber eigentlich schlafen möchte.

 

Hinweis zur Anerkennung durch die Krankenkassen

 

Zu beachten ist, dass diese Therapieform noch nicht klinisch bestätigt wurde, sondern die Wirksamkeit aufgrund positiver Erfahrungen z.B. aus Ergotherapie und Schule anhand zahlreicher Fallbeispiele belegt werden kann. Auch, wenn der Einsatz von Gewichtswesten in der Schule u.a. mit Blick auf Sorge vor Ausgrenzung aktuell relativ kontrovers diskutiert wird: An einigen Schulen in Deutschland laufen erfolgreiche Testprojekte, um weitere Erkenntnisse gewinnen zu können. Auch sind wissenschaftliche Studien zu erwarten. Zwar sind die Sandtherapiehilfsmittel® bisher noch nicht im Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen enthalten, können aber nach Absprache mit dem Hersteller Beluga Healthcare kostenfrei getestet werden.